
Da saßen sie also gestern Abend, die vier OB-Kandidaten für Böblingen. Die große Vorstellungs- und Fragerunde stand auf dem Programm und etwa 1200 Leute waren gekommen, um den Worten ihres potenziellen OBs zu lauschen. Herr Vogelgsang spielte den Moderator und kam an diesem Abend total entspannt und witzig rüber. Kein Scherz. Wahrscheinlich hatte er diese Ruhe, die man nun einmal hat, wenn man die “jungen Hüpfer” neben sich sitzen hat, die alle auf seinen Sessel wollen und wenn man weiß, dass alles was im Wahlkampf oft rosa gemalt wird, in der Praxis eine ganz andere Farbe hat.
Doch kommen wir zum Thema. 20 Minuten Redezeit gab es für alle Kandidaten, während dieser mussten die anderen Kandidaten den Saal verlassen. Ich könnte jetzt anfangen von jedem der Kandidaten die einzelnen Programmpunkte  runterzuleiern, aber alle Kandidaten haben sehr viele ähnliche Punkte
- die Wirtschaft, die Unternehmen und somit die Arbeitsplatzsituiation stärken
- die Kinder und Jugendlichen fördern, darin natürlich enthalten Kita-, Kiga- und Schulkonzepte
- die Einkaufssituation verbessern
- die Verkehrssituation, Parkplätze und Radwege verbessern
- Kultur fördern
Deshalb will ich meinen Eindruck von gestern Abend und ein paar Besonderheiten rausstellen.
Wolfgang Lützner durfte beginnen. Nachdem er den Status Quo Böblingens ziemlich umschmeichelte, erläuterte er den Zuhörern souverän und abgeklärt seine Vision “Böblingen 2018″. Bei der einen oder anderen Bemerkung kam zwar Gelächter auf (” es gibt attraktive Geschäfte in der Innenstadt”), aber Lützner betonte, dass man eben eine Vision haben muss, sonst wird es schwierig. “Die Leute sollen 2018 sagen: Der Lützner hat Böblingen vorangebracht.” Im Detail und in Abgrenzung zu den anderen Kandidaten möchte er eine “technikfreundliche Stadt” schaffen, die Schüler somit an die Wirtschaft heranführen und außerdem bei den Kleinkindern schon mit einer Sprachförderung ansetzen. Seine Mitarbeiter will er leistungsbezogen beurteilen und beurteilen lassen und somit die Motivation steigern. Dafür gibt es bereits entwickelte Softwareinstrumente, die er in Süßen bereits “erfolgreich” verwendet. Zudem möchte er 2011 ein zentrales Beschwerdemanagement einrichten. In Sachen Kultur erwähnte er, dass er eine überregional groß beachtete Kunstausstellung nach Böblingen holen wolle. Die Kontakte und Wege dafür seien schon vorbereitet. 2018 soll Böblingen dann “eine Stadt zum Wohlfühlen sein”. In Süßen hat‘s bereits geklappt, verwies Lützner immer wieder auf seine Arbeit am Hohenstaufen.
Dr. Andreas Paust bgann mit den Schlagwörtern “Glücklich in Böblingen”. Er erzählte, dass er toll aufgenommen wurde und er und seine Frau hier glücklich seien. Auch Dr. Paust lobte den Status Quo Böblingens, aber er bezog Böblingens Ausgangsposition explizit auf den Vergleich mit vielen anderen vergleichbaren Städten in Deutschland, aber auch im Vergleich zu Sindelfingen. Herr Dr. Paust hat die Vision von einer Bürgerstadt, in der die Bürger extrem einbezogen werden in wichtige Entscheidungen. Lützner betonte hierbei, dass das für ihn selbstverständlich sei und er dies nicht zu einem gesonderten Wahlkampfthema mache. Da müsste man dann als Bürger doch die Details kennen. Aber hierfür reicht der plakative Wahlkampf und auch solch eine Veranstaltung wie gestern Abend nicht aus.
Die Kultur sei hier bunt und vielfältig, lobte Paust Böblingen. Das kann man nun so oder so sehen, aus dem Publikum erntete er auf jeden Fall Applaus. Zum äußeren Erscheinungsbild Böblingens äußerte sich Paust erstaunlich ehrlich und nannte es enttäuschend. “Und bisher habe ich auch noch niemanden getroffen, der das verneint.” Kritisch äußerte er sich auch zum Zustand am “toten” Marktplatz. Wenn ich es richtig gesehen habe, rang diese Aussage Herrn Vogelgsang ein müdes Lächeln ab. “Der Marktplatz muss dringend belebt werden” sagte Paust und er lasse sich hier auch keine Denkverbote erteilen, obwohl schon andere daran gescheitert sind. Insgesamt erschien mir der Auftritt auch sehr souverän.
Mahmoud Schlather, der 44-jährige in Ägypten geborene Wirt vom Böblinger Wirtshaus Wasen war definitiv der Farbtupfer in der Runde. Wie in seinem Wahlprogramm beantwortete der Underdog in diesem Wahlkampf auch gestern Abend die Fragen kurz und bündig, manchmal nicht ganz zum Thema und ohne Details, aber immer mit Herz und südländischem Temperament. Für eine reele Chance wird es wohl nicht reichen, aber man hatte das Gefühl, er hat nichts zu verlieren - im Gegensatz zu Lützner und Paust - und dementsprechend ging er sehr locker an die Sache ran. Inhaltlich und auch sprachlich sicher nicht zu vergleichen mit den anderen Kandidaten, hatte Schlather einige Male aber die Lacher auf seiner Seite und erntete auch Applaus. Er betonte, den Menschen und dem Standort dienen zu wollen und dass er einer von ihnen sei. Am Ende verneigte und bedankte sich höflichst.
Johannes Söhner begann so: “Viele von euch werden sich die Frage gestellt haben, warum ich in Böblingen als OB kandidiere.” Seine Antwort: es gebe zwei Johannes Söhner. Einerseits den Diakon, den seit vielen Jahren sozial engagierten Jugendarbeiter und Koordinator, andererseits den Unternehmer Söhner, der das wirtschaftliches Handeln und die wirtschaftlichen Gesetze versteht und dessen Reisebetrieb letztes Jahr einen Umsatz von über zwei Millionen Euro gemacht hat. Diese beiden Komponenten würden den Bewerber Johannes Söhner für den Posten des OB in Böblingen ausmachen. Söhner betonte, dass die Mittel knapp sein werden, aber er es schaffen will diese optimal einzusetzen. Das habe er schon immer so machen müssen. Söhner stellte außerdem fest, dass Förderungen durch EU-Gelder viel zu wenig in Betracht gezogen würden. Zum Thema Innenstadt will er eine multifunktionale Markthalle positionieren und eventuell aus sanierten Gebäuden errichten. Allgemein soll die Innenstadt stark belebt werden und Events gefördert werden, da mehr Veranstaltungen auch mehr Einnahmen und mehr Flair für Böblingen. “Die Innenstadt muss attraktiv sein um dort zu verweilen.” In Sachen Jugendkultur sei viel kaputt gemacht worden in der Vergangenheit und es fehle eine Basis für die Entwicklung einer Musikszene. Weitere alternative Ideen, wie Söhner meinte, könnten in möglichen Projekten wie Car-Sharing oder Leihfahrrädern münden. Beim Thema Verkehr habe es zwar in der Vergangenheit viele Gutachten gegeben, aber keine große Umsetzung. Insgesamt bewege sich Böblingen weit unter seinen Möglichkeiten. Der Lokalmatador Johannes Söhner wirkte ebenfalls ziemlich souverän und machte eine überraschend gute Figur.
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