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#19 Weit weg: Einmal Kapitalismus. Bitte.

burger

Jetzt habe ich Argentinien endgültig verlassen. Schweren Herzens, defintiv. Aber auch mit der Gewissheit, dass mir noch eine Woche Urlaub bevor stehen. Samstag Abend bin ich in einem Ruf-Taxi (der Fahrer hat Vorfahren aus Stuttgart!) zum Internationalen Flughafen in Buenos Aires geheizt. Aus dem Radio tönte klassische Musik. Trauerstimmung war angesagt. Die ganzen dreizehn Wochen liefen vor meinen Augen ab wie ein Film. Ein verdammt geiler Film. Jetzt läuft der Abspann. Flughafen, Menschenmassen, United Airlines Schalter. Der letzte Satz lautet: „Einmal Kapitalismus, bitte.“ Ich lasse mir mein Ticket nach New York überreichen und ab geht’s.

Schon als ich zu Gate 2 komme, wo mein Flieger (zunächst nach Washington) geht, merke ich, dass jetzt irgendwas anders ist. Die schöne Zeit in Argentinien ist vorbei. Eine Zeit, in der Zeit keine Rolle gespielt hat. Genauso wenig wie eben Kapital, Erfolg und das ganze überflüssige Zeugs. Hier laufen die Sachen schon ein wenig anders. Lautsprecherdurchsage: „Herzlich willkommen liebe Gäste der ersten Klasse. Sie können nun das Flugzeug betreten. Wir haben den Eingang mit der roten Markierung für Sie geöffnet. Alle anderen Fluggäste, Gäste, die nicht erste Klasse fliegen, bitten wir den Eingang frei zu machen und den Weg der Passagiere erster Klasse nicht zu blockieren.“ Is’ ja nett. Da fühlt man sich doch gleich richtig wohl bei United Airlines. Mir egal. In ein Ohr rein, aus dem anderen wieder raus. Ich warte darauf, bis auch die unwichtigen Gäste die Berechtigung erteilt bekommen, die billigen Plätze einzunehmen und begebe mich durch die Tortur zur Aufspürung von Drogen, Waffen, tiefgefrorenen Organen und seltenen Tieren. Soll heißen: Sie übertreiben es heftig mit der Kontrolle und es dauert eine Ewigkeit. Kein Wunder, dass wir mit einer halben Stunde Verspätung abheben. Hinein in den Nachthimmel über Buenos Aires. Ein nicht enden wollendes Meer aus Lichtern breitet sich unter uns aus, gigantisch.
Der Flug ist nicht so gigantisch. Ich kann nicht pennen, das Essen, wenn auch lecker, ist gerade mal genug für einen holen Zahn und mich lässt das Gefühl nicht los, dass es in Washington ziemlich eng werden könnte mit dem Umsteigen Richtung New York. So kommt es dann schließlich auch, klar. Der Vogel landet auf dem Allen Dulles International Airport in Washington D.C. (yeeah!), ich spazier da raus, direkt in eine fünf Billiarden Meter lange Schlange, die darauf wartet an den sage und schreibe vier Schaltern der so genannten „Homeland Security“ abgefertigt zu werden. Fingerabdrücke, Augenvergleich und so Späße. Gott sei Dank komme ich gerade aus Argentinien, daher sind Panik oder Hektik Fremdwörter für mich geworden. Zumindest eine Zeitlang. Nachdem nach einer halben Stunde, noch fünf Minuten bis zur Boarding Time, aber immer noch eine ganze brasilianische Jugendfußballmannschaft, halb China und eine Handvoll Argentinier vor mir stehen, tritt dann doch ein Tröpfchen Schweiß auf meine Stirn. Dieses Tröpfchen ist für die sadistisch veranlagte, nennen wir es mal gutmütig, Frau am Schalter gefundenes Fressen um mal genauer nachzufragen. Was machen Sie in den USA? Urlaub. Wo werden Sie wohnen? Hostel. Haben Sie hier Familie? Nein. Wen treffen Sie hier? Freunde. Wie viele? Drei. Wen? Von der Schule. Von welcher Schule? Sag mal geht’s noch, von meiner Schule. Wo sind die Freunde jetzt? Was weiß ich denn, wahrscheinlich bei McDonalds. Die hat doch einen Schatten. Grimmig ballert Sie mir den Stempel in den Reisepass, ich salutiere und weiter geht’s. Ich muss die Koffer unnützerweise vom Fließband holen, um sie keine zwanzig Meter wieder abzugeben. Zehn Minuten bis Abflug. Ja guuud ääääh, dann lass mal rennen. Sieben Minuten und zwei Sicherheitskontrollen später, habe ich den halben Flughafen überquert und stehe an Gate D16. Alleine. Keine Sau mehr da, außer einem chinesischen Gleichgesinnten, der nun neben mir steht und schwitzt, als wäre er die ganze Chinesische Mauer entlang gerannt. Ein Bildschirm sagt „Flight closed“. Ich schau kurz in mein Wörterbuch und denke ‘aaah, Mist’. Der Kollege neben mir sieht es nicht ganz so locker und fuchtelt wild mit den Händen und Flucht was das Zeug hält. So stehen wir zwei an einem der größten Flughafen der Welt und unser Flieger ist wohl ohne uns abgeflogen. Dumm gelaufen. Aber manchmal brauch man auch ein bisschen Glück oder einfach nur einen dummen Angestellten von United Airlines, der etwas am Schalter am Gate vergessen hat und so nochmal den Flieger, der eigentlich schon gestartet sein sollte, verlässt. Der Depp sieht den verzweifelten, verschwitzten Chinesen und mich, gratuliert uns, dass heute unser Glückstag sei und lässt uns in die Flieger steigen. Geht doch, alles easy.

schlaaaand

Von da an nun alles problemlos. Kurz nach New York La Guardia düsen, mit dem Taxi ins Hostel heizen, dort drei Kumpels aus Kartoffelhausen treffen und ab in den nächsten Pub und einen herrlichen, spannenden 3:2-Erfolg unserer Kicker anschauen und alles ist gut. Vor allem weil Khedira den entscheidenden Treffer erziehlt. Der Stuttgarter Jung’. Natürlich stimmen wir uns auch gleich mal auf die Woche USA ein. Mit einem Burger natürlich, was wäre auch besser geeignet. Ich überlege sogar kurz ob ich den Bratwurstburger testen soll, den die Karte mir (ganz unten) anbietet, lass es dann aber doch.

bratwurst

Ohje, ich sehe es schon kommen, die Woche wird definitiv sehr gesund. Nicht. Aber was soll’s. Ich werde die Woche hier in New York genießen, Argentinien sehr vermissen und mich auf Stuttgart freuen. Das ist doch ein Deal, oder? Bis denn, dann.


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